Was wäre eine Stadt oder ein Stadtteil ohne seine „Originale“?

Die gab es natür­lich auch in Ger­res­heim! So zum Bei­spiel den Anstrei­cher­meis­ter Anton Opho­ven, all­ge­mein nur „dr Opho­ven Tünn“ genannt. Oder der alte Wacht­meis­ter Reh mit der Pickel­hau­be,  nur „der Rehs Pit­ter“ geru­fen. Ein beson­de­res Ori­gi­nal war der „Vat­ter Held“, der bekannt dafür war, dass sein Sonn­tags­bra­ten aus­schließ­lich aus Hun­de- und Kat­zen­fleisch bestand.

So gibt es natür­lich von die­sen Her­ren Anek­do­ten, die im frü­he­ren Ger­res­heim sehr bekannt waren. Eini­ge die­ser „Anek­döt­chen“ sol­len auch Sie zum Schmun­zeln brin­gen.

Es war Früh­jahr, und die Hand­wer­ker, beson­ders die Anstrei­cher, hat­ten viel zu tun.

Der Anstrei­cher­meis­ter Anton Opho­ven, all­ge­mein nun d’r Opho­vens Tünn genannt, sagt eines Diens­tags früh zu sei­nem lang­jäh­ri­gen Gesel­len: „Hür ens Wellm, jeh doch zeerst nachm Dok­ter Berg­rath on fang em War­te­zem­mer an.“

Mit­tags kommt der Opho­vens Tünn, der Baas, selbst zum Dok­tor Berg­rath, um die ange­fan­ge­ne Arbeit fer­tig zu machen. Eben gibt er sich dar­an, auf der von dem Gesel­len fer­tig­ge­stri­che­nen Wand eini­ge bun­te Bän­der zu zie­hen. Ob nun das Line­al nicht rich­tig anlag oder der Pin­sel zu tief in die Far­be getaucht war, kurz, statt des hell­blau­en, gra­den Stri­ches war ein brei­ter Klecks auf der Wand.

 „Don­ner­keil noch ens“, schimpf­te der Baas, „moß mech dat och noch sel­ws pas­sie­re!“ Schnell nimmt er sein Taschen­mes­ser her­aus und kratzt die Far­be wie­der ab.

Zum Unglück kommt nun auch gera­de der Dr. Berg­rath her­ein, um die Arbeit zu betrach­ten.

 „Tag, Meis­ter Opho­ven, nanu Pech gehabt? Ja, ja, ihr Anstrei­cher habt es leicht. Wenn ihr etwas falsch gemacht habt, wird es schnell abge­kratzt!“ 

Herr Dok­ter“, lächelt der Baas, „ich mein, ihr hätt et doch noch leich­ter als wir. Näm­lich, wenn ihr wat falsch jemacht habt, kratzt de Pazi­jent von janz von allein ab!“

In den Jah­ren vor dem Ers­ten Welt­krieg gab es auch in Ger­res­heim noch gemüt­li­che Schutz­leu­te, wel­che im Glan­ze der Pickel­hau­be ihren „anstren­gen­den“ Dienst taten. Der gute alte Wacht­meis­ter Reh, der Rehs Pit­ter genannt, kam abends in der Dun­kel­heit durch die Dre­her­stra­ße, als ihm ein Rad­fah­rer ohne Licht ent­ge­gen­fuhr. „Halt!“ rief er laut, „abstei­gen!“. Das tat der Ertapp­te dann auch sofort.

Das gibt eine Anzei­ge. Kom­men Sie mal mit zur nächs­ten Later­ne, damit ich Ihre Per­so­na­li­en fest­stel­len kann.“

Da erkann­te der Rehs Pit­ter sein Gegen­über, es war der bekann­te Dok­tor P.… „Ach, ihr sid et, Herr Dok­tor, ich dacht schon, et wör ne Rad­fah­rer. Nix för ungoht. Na, denn Nacht, Herr Dok­tor.“

Es war auf der Hüt­te ein tüch­ti­ger Fla­schen­ma­schi­nist und trotz sei­ner vie­len Kin­der ein Mann mit Humor, schlag­fer­tig in sei­nen Ant­wor­ten. Der Herr Direk­tor war ein bär­ti­ger, hage­rer Mann und der Gesund­heit wegen ein Vege­ta­ri­er. Eines guten Tages kam der Herr Direk­tor zu dem Maschi­nis­ten, steck­te sein Fin­ger in die zur Kon­trol­le bereit­ge­stell­ten Fla­schen und sag­te: „Schau­en Sie mal her! Die Fla­schen­mün­dun­gen sind viel zu groß.“ Prompt kam die Erwi­de­rung: „Wenn Sie mehr Fleisch essen wür­den, Herr Direk­tor, dann wür­den Ihre Fin­ger dicker und die Mün­dung wäre gold-rich­tig.“

Wenn man von alten Ger­res­hei­mer Ori­gi­na­len erzählt, dann wird auch immer der Vat­ter Held erwähnt. Doch was die­ser Name auf sich hat, wis­sen vie­le nicht mehr. Am Köl­ner Tor 21, neben dem frü­he­ren Metz­ger Fen­ger, haus­te in einem Hof­ge­bäu­de der Vat­ter Held. Er war ein komi­scher Alter mit grau­em, fus­se­li­gem Bart. Still und gebückt, von klei­ner Gestalt ging er daher. Doch sei­ne Augen erspäh­ten man­chen Hund, der da her­ren­los her­um­lief. Wir Kin­der sahen den Alten mit etwas gemisch­ten Gefüh­len an, denn es war bekannt, dass er Hun­de und Kat­zen ver­speist. Woll­te jemand sei­ne Pus­si aus irgend­ei­nem Grun­de los sein oder konn­te ein Hun­de­hal­ter sei­nen Hund der Steu­er wegen nicht mehr hal­ten, dann war der letz­te Weg zum Vat­ter Held, weil es kei­ne Ver­nich­tungs­an­stalt gab im alten Ger­res­heim. Der Alte nahm den ersehn­ten Bra­ten immer hoch­er­freut in Emp­fang. Man­ches lecke­re Kätz­chen schmor­te er in der Kas­se­rol­le. Ein Hund hielt meh­re­re Tage vor, denn er kam in Essig, mit Zwie­beln und Lor­beer­blatt. Ich selbst habe zusam­men mit dem Könns Dicke (heu­ti­ger Stadt­ver­ord­ne­ter) den Pit­ter­mann der alten Frau Becker aus dem Wall­gra­ben zu Vat­ter Held gebracht. Das sind jetzt schon über 40 Jah­re her. In dem Zim­mer, wel­ches der Alte bewohn­te, herrsch­te eine Luft zum Durch­schnei­den. Es roch tat­säch­lich nach Hund und Kat­ze. Die dama­li­ge Jugend präg­te den Reim: Der Vat­ter Held frisst alle Hüng on Kat­ze von de Welt. 

Mar­tin Kreutz

Man kann über den Tabak so und auch so den­ken. Der den alten Ger­res­hei­mern wohl­be­kann­te Pas­tor Lind­lar fass­te sei­ne Abnei­gung gegen das brau­ne Kraut in fol­gen­dem klas­si­schen Aus­spruch zusam­men: „Wer qualmt, dä rüch wie e Fer­ke, wer schnupp, süht us wie e Fer­ke, un wer priemt, dat is e Fer­ke!“

Am Gräu­ling, in der Nähe vom Neus­ser Tor, war ein Fri­sör­la­den. Die Tür­glo­cke wim­mert und ein Mann kommt mit einem klei­nen Jun­gen ins Geschäft. Dienst­be­flis­sen fragt der Meis­ter: „Womit kann ich die­nen?“ „Haar­schnei­den, rasie­ren und Kopf waschen, bit­te!“

 Nach der Ver­schö­ne­rungs­pro­ze­dur fragt der frem­de Kun­de: „Hat Er och Ziga­ret­te do?“ „Nein“, erwi-der­te der Meis­ter, „die krie­gen Se um de Eck am Rat­haus.“ „Jut,“ meint der Kun­de, „ich jonn äwe dohinn, on en der Ziet könnt Ehr dem Jön­ke de Hoor schnie­de.“

 Der Jun­ge setzt sich mit Freu­den auf den Stuhl und lässt sich die Haa­re schnei­den, denn es war sehr nötig.

 Nach­dem der Meis­ter fer­tig ist und der Jun­ge schon eine Wei­le in der Ecke geses­sen hat, fragt ihn der Meis­ter: „Dein Vater bleibt aber lang.“ Da ant­wor­te­te der Ger­res­hei­mer Stropp: „Dat es doch jar nit min­ne Vat­ter. Dä Mann hät mich nur op de Stroß jefrogt, op ich jän emol ömme­sonst der Hoor geschne­de han wollt.“ 

Mar­tin Kreutz

Am Poth wohn­te frü­her ein alter, schwer­hö­ri­ger Schus­ter, der für soli­de Arbeit über­all bekannt war. Eines Tages kommt ein Rei­sen­der zu ihm, um Bedarfs­ar­ti­kel zu ver­kau­fen. Nach­dem der Schus­ter den Mus­ter­kas­ten nach brauch­ba­rer Ware unter­sucht hat, mach­te er sei­ne Bestel­lung: „2 Kilo dicke Nägel, Pin­ne, klei­ne Nägel und Huf­ei­sen.“ Der Rei­sen­de ist erfreut über den schö­nen Auf­trag, und füllt den Bestell­zet­tel aus. Zum Schluss fragt er den Meis­ter: „Wie ist es denn mit Refe­ren­zen?“ „Och,“ meint da treu­her­zig der Alte, „do könnt Ehr mech och noch zwei Kilo von met­sche­cke.“

 Mar­tin Kreutz

Der Schus­ter Seit­hü­mer in der Din­gesstra­ße hat­te ein altes, soli­des Geschäft. Die ange­se­he­nen Bür­ger Ger­res­heims zähl­ten zu sei­nen Kun­den, unter die­sen auch der Sani­täts­rat Din­geskir­chen.

Eines Tages in der Sprech­stun­de steht der ehr­ba­re Schuh­ma­cher vor dem Herrn Sani­täts­rat. „Nanu …, ihr seid doch wohl nicht krank?“ fragt die­ser den Hand­wer­ker erstaunt. Der Schus­ter stot­ter­te ver­le­gen: „Ija … Herr Rat … dat is schon sowat … aber ich möch­te mich emal von ihne unter­su­chen las­sen“ und zog den Rock schon aus. Kopf­schüt­telnd begann der Dok­ter die Unter­su­chung. Nach eini­ger Zeit leg­te er das Hör­rohr aus der Hand und sag­te: „Ja … lie­ber Herr Seit­hü­mer, zieht euch ganz beru­higt wie­der an. Ich kann wirk­lich nichts fin­den … ihr seid kern­ge­sund!“

 Der Schus­ter Seit­hü­mer lach­te ver­schmitzt: Ija, Herr Rat … dat han ich sowi­so jewusst, dat ich jesund ben. Äwwer ihr sitt sone jute Kun­de, ihr losst sovöll Schoh be mech mache … on do wollt ich üch doch och mol wat zo ver­de­ene jewe!“

Als vor vie­len Jah­ren das Arbeits­amt in Ger­res­heim unten in der Heye­stra­ße noch sehr über­lau­fen war, wur­de ein Hüt­ten­be­woh­ner namens Her­mann, der seit lan­gem als arbeits­los gemel­det war, dort­hin zitiert. Der Beam­te eröff­ne­te ihm, dass er eine Pflicht­ar­beit über­neh­men müs­se.

 Und wat soll dat sein?“ frag­te Herr­mann miss­trau­isch.

Na, Sie kön­nen doch einem Bau­ern bei der Ern­te hel­fen“, mein­te der Beam­te, „bei­spiels­wei­se Kar­tof­fel aus­ma­chen.“

 Da wehr­te aber Her­mann ent­rüs­tet ab:

 „Wat soll ich? Tuff­ten utmo­ken? Nä, die de Tuff­tens in die Erd rin­legt hebbt, de soll se och rut­mo­ken, de weet am bes­ten, wo se lig­ge.“ Sprach´s und ver­ließ kopf­schüt­telnd über eine sol­che Zumu­tung die ungast­li­che Stät­te. 

Ent­nom­men der Zeit­schrift des Bür­ger- und Hei­mat­ver­eins Ger­res­heim „Rund um den Qua­den­hof”